© TOM Tom Wolf 



Thomas Wolf:
Brüder, Geister und Fossilien
Eduard Mörikes Erfahrungen der Umwelt
Verlag Max Niemeyer, Tübingen, 2001

Aus der Einleitung:

Friedrich Sengle forderte 1952 eine Mörikebiographie, die dem Wechselspiel von Leben und Werk wirklich gerecht würde, wobei er von der Prämisse ausging, daß bei Mörike Kunst und Leben in einer engen Beziehung zueinander standen. Noch 1960 konnte Siegbert Salomon Prawer nur Harry Mayncs überarbeitete Biographie von 1913 als gelungenen Versuch rühmen, vorzuführen, "was eigentlich geschah". Inzwischen ist diese einstige literaturgeschichtliche Lücke durch die Lebensbeschreibung von Peter Lahnstein und das chronikalische Tabellenwerk Hans-Ulrich Simons geschlossen und das Bild der mannigfachen inneren Zusammenhänge von Leben und Werk bei Eduard Mörike weitgehend fixiert.

Wenn es trotzdem noch biographische Dunkelfelder gibt, die zu erhellen bisher niemanden begeisterte, so ist dies möglicherweise dem Umstand zuzuschreiben, daß hierzu philosophisches, geologisches oder alltags-geschichtliches Terrain betreten werden muß. Interdisziplinäre Detailstudien erschließen indes Stoff für neue gedankliche Querverbindungen, die beim vorsichtigen Betrachten hinlänglich bekannter summarischer Urteile oder gängiger Interpretationen nicht zustande kommen.

Die drei interdisziplinären Untersuchungen beleuchten spezifische, unter dem gemeinsamen Nenner Umwelt-Erfahrung zusammengefaßte Erlebniswelten eines Schriftstellers, der sich den Zwängen und Bedingtheiten seiner familiären Situation sowie den Fremdbestimmungen seiner geistigen und literarischen Entwicklung durch Schule, Universität und staatliche Obrigkeit anpassen mußte und doch trotz aller Anfechtungen und Deformationen des äußeren Lebens literarische Werke hervorbrachte, an denen formale Ungezwungenheit, stilistische Brillanz oder gar Klassizität (Vorbildlichkeit) gerühmt werden. Das Genrebild vom armen, notleidenden Restaurationszeitpoeten, der bei allem äußeren Elend als Klausner seine Werke schafft, will auf ihn dennoch nicht passen. Mörike erwies sich vielmehr, wiewohl physisch und psychisch oft angegriffen, als ein mitten im Leben stehender und aus mannigfachen familiären und gesellschaftlichen Prüfungen gestärkt hervorgehender Autor, der seine gewonnenen Erfahrungen in der Literatur meisterlich umzusetzen und spielerisch zu relativieren vermochte.

Mörikes anfänglich starker Autoritätsglaube wich mit der Zeit immer mehr dem Autoritätszweifel: in der Beziehung zum älteren Bruder Karl, in der ungleichen Freundschaft zu Justinus Kerner sowie im Dialog zu naturwissenschaftlichen Koryphäen wie Kurr, Quenstedt oder Oppel. Als Konstanten erscheinen angesichts dieses Emanzipationsprozesses die Liebe zur Schwester Klara und die Freundschaft zu Wilhelm Hartlaub, die beide nicht nur in der Phase der Spukbegeisterung, sondern auch bei der geologischen Beschäftigung Mörikes Umwelterfahrungen, seine Geheimnisse und Entdeckungen teilten.

Im aufopferungsvollen Zwist mit den straffälligen Brüdern Karl und Alois trat Eduard Mörike als ausdauernder Kämpfer und letztlich dominierender pater familias auf. Auch gegenüber Justinus Kerner, der zunächst die Rolle eines geistigen Übervaters spielte, dann zeitweise auf okkultistischem Gebiet ein Gleichgesinnter war, um schließlich als Leitbild abzudanken, vollzog sich; parallel zu Mörikes schriftstellerischer Sozialisation; eine deutliche Entwicklung von Passivität zur Aktion. Mörikes Streben nach Selbstbestimmung und Dominanz zeigte sich selbst im scheinbar abseitigsten Lebensbereich des unverhofft gewonnenen privaten Freiraums; dort, wo er nach seiner Pensionierung als Pfarrer aus freien Stücken begann, die gewachsene, naturwissenschaftlich erklärbare Umwelt zu ergründen und im Rahmen einer regionalen Petrefaktensammlung in Besitz zu nehmen.

Ein damals beliebter Zeitvertreib geriet dem Pensionär zur ernsthaften Beschäftigung mit der gerade prosperierenden geologischen Wissenschaft. Beharrlich erarbeitete er sich ein ansehnliches Fachwissen, schwang sich zum herrschsüchtigen Gebieter einer Schar von Sammel-"Helfern" auf, die ihn mit Rohmaterial versorgten, trat mit wissenschaftlichen Koryphäen der Zeit in Gedankenaustausch und erwog sogar, durch kustodische Tätigkeiten beruflichen Nutzen aus der Steinleidenschaft zu ziehen.

Bei der Betrachtung des scheinbar harmlosen Fossiliensammelns und der obskuren Beschäftigung mit parapsychischen Phänomenen werden nebenbei aus ungewohnter Perspektive Grundoperationen der Mörikeschen Poetik sichtbar; etwa das Benennen und akribische Beschreiben von Dingen und Sinneseindrücken, das teilweise pseudoreligiöse Züge annimmt. Sowohl im Gespensterkontext (der für Kerner verfassten Beschreibung der Cleversulzbachphänomene) als auch im Fossilkontext (der für Kurr verfertigten Beschreibung eigener paläontologischer Fundstücke) zeigt sich das zentrale Interesse Mörikes weniger als ein natur- oder pseudowissenschaftliches, denn als ein poetisch-ästhetisches.

Wie das Fossiliensammeln im vielzitierten Gedicht Der Petrefaktensammler zur Poesie wird, schöne Steine und schöne Worte plötzlich austauschbar erscheinen, blitzt durch die vordergründig sachliche und kühle Beschreibung akustischer Wahrnehmungen eventueller Geisteraktivitäten das Interesse an einer schönen, geheimnisvollen und auch witzigen Spukgeschichte. Nur mit Mühe gelang es Justinus Kerner, der in seiner okkult-wissenschaftlichen Zeitschrift "Magikon" sehr (vergeblich) um Seriösität bemüht war, Mörike vom stimmungsvollen, aber hypothetischen Benennen des Urhebers der gespenstisch anmutenden Sensationen im Cleversulzbacher Pfarrhaus abzubringen. Mörike war an Rabauschs Geschichte und an der Vorstellung, sie poetisch mitzugestalten, offenbar mehr interessiert als an philosophischer Spekulation über ihre Faktizität.

Stillschweigend vorausgesetzt bleibt die werkgeschichtliche und interpretatorische Relevanz biographischer Daten, über die sich freilich theoretisch ebenso grundlegend streiten ließe wie über die Frage, ob die Fokussierung des biographischen Augenmerks auf einen bestimmten Lebensbereich nicht Verzerrungen des Gesamtbildes und der Einzelheiten hervorruft, indem sie dem Detail mehr Gewicht beimißt, als ihm vielleicht zukommt. Doch dürfte bei der Verfeinerung des biographischen Rasters das biographische Gesamtbild auf jeden Fall an Schärfe gewinnen, weil der im Moment des genauen Hinsehens ausgeblendete große Rahmen nicht generell aufs Spiel gesetzt wird und der Leser durch die biographische Chronologie stets zu einer Relativierung der hie und da unvermeidlichen Überzeichnungen in der Lage ist.